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Interview: War es wirklich eine Drohne?

Anfang August ist in 1.700 Metern Höhe über Schwabhausen (Landkreis Dachau), eine Drohne einem Airbus A321 gefährlich nahe gekommen. Der Airbus der Lufthansa befand sich im Landeanflug auf den Flughafen München. Etwa 10 Meter neben der rechten Flügelspitze vom Flugzeug entfernt, bemerkte der Pilot der Maschine beim Blick aus dem seitlichen Cockpitfenster auf selber Flughöhe eine Drohne (Wir berichteten: Drohne kommt Passagierflugzeug gefährlich nahe).

Weltrekord-Drohne von Dirk Brunner (Foto: Dirk Brunner)

Seitdem wird im Netz heftig darüber diskutiert, ob es sich denn wirklich um eine Drohne oder vielleicht um eine Plastiktüte gehandelt haben könnte. Zugegeben, 1.700 Meter Höhe, wir sprechen von immerhin 1,7 Kilometern. Wir haben zu diesem Thema mit Dirk Brunner gesprochen, der sich seit Jahren mit der Forschung und Entwicklung von Hochleistungs-Drohnen mit unterschiedlichen Anwendungsschwerpunkten beschäftigt. Drohnenexperte Brunner hat die schnellste Drohne der Welt entwickelt. Diese benötigt für das Steigen auf 100 m Höhe aus dem Schwebeflug nur 3,871 s. Es handelt sich um einen offiziellen Weltrekord, bestätigt durch „Guinness World Records“.

Michael Ziegler von Drohnen-Journal.de: Ihre Drohne benötigt 3,871 Sekunden, um 100 Meter Höhe zu erreichen. Wie schnell können herkömmliche Drohnen, welche im Fachhandel erhältlich sind, durchschnittlich in die Luft steigen?

Dirk Brunner von research-drone.com: Unterschiedlich. Der Hersteller DJI z.B. begrenzt die Drohne „Phantom 3 Professional“ auf ca. 5 m/s steigen und 3 m/s sinken. Mit einem Eigenbau Copter mit NAZA FC sind laut Datenblatt um 6 m/s möglich – ohne Tricks. Wird eine offene Plattform gewählt, ist dieses Limit meistens nicht vorhanden und der Copter kann so schnell steigen, wie es eben das Antriebssystem hergibt.

Es sollte aber erwähnt werden, dass es, vereinfacht gesagt, zwei Arten von Coptern gibt. Solche für Luftaufnahmen und Sportcopter für Kunstflug bzw. FPV. Letztere haben oft kein GPS und keine Limits. Schnelle und gute FPV-Racer, welche als RTF-Modelle angeboten werden, erreichen deutlich höhere Steigleistungen. Ca. 20 m/s sind möglich. Mit Tuning auch mehr. Diese Drohnen können aber nur sehr begrenzt eine Nutzlast (z.B. Messgeräte, Videokamera) transportieren. In diesem Fall bricht die Steigleistung, je nach Zuladung, stark ein.

Michael Ziegler: Wie hoch könnte Ihre Weltrekord-Drohne theoretisch fliegen und wie hoch ist die Drohne tatsächlich schon geflogen?

Dirk Brunner: Wenn geflogen wird, bis der Akku fast leer ist, hat die Drohne um die 4.000 Höhenmeter innerhalb von ca. 100 Sekunden hinter sich. Mit Ausnahmegenehmigung, entsprechender Versicherung und Anmeldung war die Drohne legal auf 250 m über Grund. In dieser Höhe ist die Drohne durch die sehr starken Positionslichter zwar noch gut erkennbar, aber das Risiko eines Verlustes steigt. Das Modell ist nur ein kleiner Punkt am Himmel. Mit FPV würde sicherlich mehr gehen, aber mir reicht die Aussicht in dieser Höhe allemal.

Michael Ziegler: Wie wahrscheinlich ist es, dass es sich – beim Vorfall am Himmel in München – um eine Drohne gehandelt hat?

Dirk Brunner: Sehr wahrscheinlich. Ich sehe regelmäßig Copter-Piloten die mit FPV weit außerhalb der Sichtweite fliegen. Die Technik ist einfach verfügbar und leistungsstark. Ein DJI Copter kann etwa 2.000 m über Grund steigen. Laut Hersteller sind zwar in der Software nur 500 m über Grund zugelassen, aber diese Sperre lässt sich umgehen. Die allermeisten Piloten sind aber versiert und fliegen innerhalb der gesetzlichen Vorgaben. Oft sind es Anfänger (z.B. zum Geburtstag so ein Modell bekommen), die sich nicht mit der Technik auseinandersetzen und einfach losfliegen bis es nicht mehr geht.

Michael Ziegler: Wenn ein Privatmann eine solche Drohne gebaut bzw. umgebaut hat, welche finanzielle Investition steckt vermutlich dahinter?

Dirk Brunner: Bei einer Drohne von DJI P3 um die 1.000 Euro, bei einer DJI P4 etwas mehr. Beim reinen Eigenbau weniger. Mit etwas Mühe, einer einfachen Fernsteuerung und FPV-Set,  ungefähr über 500 Euro. Nach oben gibt es keine Grenzen.

Michael Ziegler: Und welche technischen Änderungen müssten an der Drohne durchgeführt werden?

Dirk Brunner: Nicht viele. Es gibt im Internet entsprechende Foren, wo man sich informieren kann. Meistens betrifft es Änderungen der Software. Bei offenen Plattformen sind keine Änderungen notwendig.

Michael Ziegler: In 1.700 Metern ist es wohl kaum möglich, noch unter Sichtkontakt zu fliegen. Der Pilot hat die Drohne vermutlich mittels Kamera gesteuert. Ist in 1.700 Metern überhaupt noch eine Übertragung möglich?

Dirk Brunner: Bei der Flughöhe ist der Pilot auf FPV angewiesen. Ein Modell ohne FPV in dieser Höhe ist zu 99% verloren. Der Hersteller DJI z.B. hat mit der Lightbridge eine Reichweite von über 5 km für die (Video)-Funkübertragung. Mit illegalen Sendern geht deutlich mehr. 1.700 m sind kein Problem. Da ist das Bild noch 1a, vor allem da keine Hindernisse im Weg sind.

Michael Ziegler: Welche  Punkte sprechen aus Ihrer Sicht dagegen, dass es sich um eine Drohne gehandelt hat?

Dirk Brunner: Wenig. Wenn es beispielsweise ein großes Modellflugzeug gewesen wäre, welches auf Sicht geflogen wird, würde der Pilot das große Flugzeug ziemlich sicher rechtzeitig bemerken und die Richtung ändern. Solche Modellflieger sind aber mittlerweile im Vergleich zu den Drohnenpiloten wenig geworden. Es sind natürlich noch andere Ursachen denkbar, wobei dies mit der Wetterlage geprüft werden müsste. Beispielsweise ein Heliumballon, Wetterballon oder ein Solarballon (dafür würde ein schwarzes Objekt sprechen).

Michael Ziegler: Herr Brunner, herzlichen Dank für das Interview.

Begriffe:
FPV = First Person View (Fliegen aus der Pilotensicht)
RTF = Ready to Fly (Sofort zum Fliegen bereit)

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